Unterrichten am Morgen nach Lampedusa

Da war er wieder mal. Der Moment, der sprachlos macht. Der Moment, in dem die fast 25 Jahre Unterrichtserfahrung nicht gegen die Hilflosigkeit nützen.

Was passiert ist?
Gestern sind im Mittelmeer wieder einmal Menschen ertrunken, die versuchten, nach Europa zu flüchten. Aktuelle Zahlen: etwa 300 Tote. Männer, Frauen mit Kindern, Schwangere. Zusammengepfercht auf einem Schiff, das hoffnungslos überladen war. Grösstenteils Menschen aus Eritrea und Somalia.

Ich unterrichte.

Flüchtlinge.

Aus Eritrea, Somalia, dem Tibet und Sri Lanka.

Im Wissen, dass der Morgen schwierig werden könnte, bin ich doppelt aufmerksam in die Stunde gegangen. Zu meinem Erstaunen war Lampedusa noch kein Thema. Und für mich war es klar, dass nicht ich es zum Thema mache, aber das ich Raum gebe, wenn es zum Thema wird. Aber wie?

In der grossen Pause ist es so weit. Jemand bekommt eine Nachricht. Unruhe. Smartphones werden gezückt.  Bilder und Filme über die Tragödie machen die Runde. Und von einer Sekunde zur anderen habe ich eine Klasse, in der zwei Drittel lautlos weinen oder kurz davor sind und das dritte Drittel nicht versteht, was eigentlich passiert ist.

Auch mir kommen die Tränen. Wirklich vorbereitet bin ich nicht. Mein Kloss im Hals lähmt mich zum Glück nicht. Die zwei, die weinen und gleichzeitig stocksteif sind, nehme ich spontan in den Arm. Dann führe ich die Gruppe zurück in den Kursraum.

Ich möchte und muss der Trauer Raum geben. Habe aber gleichzeitig wenig sprachliche Möglichkeiten. Kerzen anzünden kann ich wegen Feuerschutz nicht.

Musik! Musik und Bilder. Ich starte den Computer und den Beamer, den ich zum Glück zur Verfügung habe und lasse Dinu Lipatti laufen:

Die Verzweifelten werden ruhiger. Ich beginne an eine Flip-Chart eine grosse Kerze zu malen und ein paar Worte zu schreiben. Farbstifte und Papier habe ich im Schrank und lege es hin. Einfach als zusätzliches Angebot – nicht als „Muss“.

Die nicht Betroffenen haben inzwischen verstanden, was passiert ist und tragen die Gruppe in bewundernswerter Art und Weise mit. Ein junger Mann aus Sri Lanka steht auf, um etwas an das Plakat zu schreiben. Andere nehmen Papier, um ihren Abschied zu malen. Sie schreiben Tibetisch, Arabisch, Tigrinia, Herzenssprachen. Malen, werden aktiver, bleiben sitzen, hören, bleiben bei sich.

Die Dunkelheit im Raum wird heller.

Nach einer Dreiviertelstunde wird es Zeit, sanft weiter zu gehen. Wir machen fünf Minuten Pause – öffnen die Fenster. Draussen sieht man ein paar schüchterne Sonnenstrahlen nach dem Regen. Ich erkläre, dass in der letzten Kurshalbstunde alles möglich ist. Individuell an etwas arbeiten, rausgehen und im Innenhof spazieren, weiter malen, Musik hören. Dass ich da bin, dass ich auch nach Kursende noch da bin.

Und so geht es auch weiter. Einige wünschen zu meiner Überraschung recht mechanische Drill-Grammatikübungen. Andere schreiben und malen weiter. Ein paar sitzen einfach da. In sich gekehrt. Still.

Was passiert ist?

Wir sind als Gruppe sicher noch ein Stück näher zusammen gerückt. Grammatik, Lernziele, Vorgaben gingen mir noch nie so am Allerwertesten vorbei wie an diesem Morgen. Statt Unterrichten gab es plötzlich etwas anderes: gegenseitiges Lernen und Aufrichten.

Was bleibt?

Wut.

Wut und Trauer.

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3 Antworten to “Unterrichten am Morgen nach Lampedusa”

  1. Elhadj Says:

    Du hast einen hervorragenden Unterricht abgehalten.Musik passt zu dieser Situation.Hut ab, Frau Lehrerin.Viel Mut und Kraft.Ciao,

  2. Lovey Wymann, Lovey Wymann's Schreib-Lounge Says:

    Respekt! Du hast das sehr liebevoll und authentisch gehandhabt – und wirst es wohl weiter tun müssen, denn so etwas schliesst sich ja nicht übers Wochenende ab.

  3. gnaddrig Says:

    Auch mir kommen die Tränen. Wirklich vorbereitet bin ich nicht.

    Wie will man sich da auch vorbereiten. Aber Sie haben Ihre Schüler_innen großartig begleitet und aufgefangen. Von der Art Offenheit und Feingefühl kann es gar nicht genug geben. Hut ab!

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