Blinde Flecken

Seit der Abstimmung vom letzten Wochenende habe ich des öfteren gehört:

Nein – ich hab nichts gegen Ausländer.  Rassistisch? Sicher nicht!  Wer mir vorwirft, aus Fremdenfeindlichkeit heraus entschieden zu haben, soll doch bitte schön zurück gehen, wenn es ihm hier nicht passt.

Wenige Leute machen mich misstrauischer als die erklärten Nicht-Rassisten. Warum?

Ich unterrichte seit rund 25 Jahren Deutsch. Meine Teilnehmenden sind fremdsprachige Erwachsene, die in der Deutschschweiz leben und deswegen die Sprache lernen wollen oder müssen. Ich lerne so Menschen aus der ganzen Welt kennen. Bis vor anderthalb Jahren unterrichtete ich auch Staatskunde für Leute, die sich in der Schweiz einbürgern lassen wollen. Das Publikum war jeweils höchst heterogen: vom deutschen Dozierenden bis zu fremdsprachigen Teilnehmenden mit nur wenigen Jahren Schulbildung. Erster von fünf Kursabenden. Ich war wie immer deutlich früher dort, um den Raum vorzubereiten und die Teilnehmenden einzeln begrüssen zu können. Sechs waren schon hier: ein älteres Paar aus Deutschland, eine Brasilianerin, ein Paar aus Mazedonien und ein Italiener. Dann kam ein junger Türke. Er sprach Zürichdeutsch wie ich, absolut akzentfrei. Etwa zwanzig Meter hinter ihm seine Frau. Kopftuch, suchte nach den Wörtern, geschätztes Sprachniveau mündlich an der unteren Grenze von B1. Bei mir sprang der gedankliche Autopilot an.

Sie braucht sicher zusätzliche Unterstützung. Gut, im Notfall kann er ihr ja helfen. Und wenn sie fleissig lernt, dann geht das schon.

Am ersten Kursabend arbeitete ich an verschiedenen Lernstationen in Kleingruppen. Eine davon war ein PC. Das türkische Paar ging schon am Anfang zum Computer. Es ging darum, sich mit Cobocards, einem Programm zur Erstellung von Lernkarten auseinanderzusetzen. Sie setzte sich direkt hin, nahm die Maus in die Hand und loggte sich ein. Dann erklärte SIE IHM, zwar mit ein paar Grammatikfehlern, aber absolut richtig, was Föderalismus bedeutet.

Aber ich doch nicht! Stereotypen – nie! Vorurteile – nie! Rassismus – nie! DENKSTE!!!

Sie trug ein Kopftuch, sie sprach schlechter Deutsch als er. Aber sie hatte studiert und war nur hinter ihm ins Zimmer gekommen, weil sie vorher noch auf der Toilette war.

Ja! Ich habe Vorurteile! Ja! Ich falle auf Stereotypen rein! Und Ja! Eine Frau mit Kopftuch, hinter ihrem Mann und mit begrenzten Deutschkenntnissen hat bei mir offenbar etwas ausgelöst!

Schämte ich mich an dem Abend? Ich schlug mir innerlich gegen den Kopf – gaats no! Aber schämen? Nein. Meine Vorurteile sind nicht schlecht, SOLANGE ICH SIE BEMERKE, nochmals hinschaue und revidiere. Und nur das Bewusstsein meiner blinden Flecken bringt mich dazu, mich regelmässig selber zu überprüfen.

Wer ganz sicher ist, keine blinden Flecken zu haben – schaut der denn nochmals hin?

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5 Antworten to “Blinde Flecken”

  1. RebRob Says:

    Tja, die lieben Vorurteile.
    Gut dass Vorurteile nur etwas schlechtes sind, wenn man trotz starker Argumente nicht einsehen möchte, dass es doch ganz anders ist.

  2. Leseempfehlung 01 | maikind.info Says:

    […] Hier entlang zu: “Blinde Flecken” auf dem Blog von Moni Nielsen […]

  3. Christin Says:

    Danke für den wunderbaren Beitrag!

    Ich find’s schade, dass es heute vor allem diesen Druck gibt, sich möglichst ohne Vorurteile zu geben und dass dabei oft vergessen wird, dass Vorurteile (im Sinne von oberflächlichen Bewertungen, die sich beim allerersten Eindruck ergeben) für unser Gehirn eigentlich sogar nützlich sind – man sollte sich dessen eben nur bewusst sein.

    Und das gilt ja nicht nur im Umgang mit Ausländern, sondern überall.
    Ich bin in diesem Semester in eine neue Französisch-Gruppe gekommen und natürlich dachte ich, dass die schlicht gekleidete, frisch verheiratete Studentin ihr Studium sicher gewissenhafter angeht als die schrill gekleidete Blondine. War aber überhaupt nicht so. Und das ist auch total in Ordnung, so lange ich die Realität nicht von mir wegdrücke, um meine Vorurteile künstlich am Leben zu halten.

  4. Vorurteile | gnaddrig ad libitum Says:

    […] Nielsen hat in ihrem Blog einen Artikel über blinde Flecken geschrieben. Darin denkt sie über Vorurteile nach, bei denen sie sich selbst ertappt, und […]

  5. tinyentropy Says:

    Erst wenn man selbst mal im Ausland unterwegs ist, merkt man, wie schwierig es ist zurecht zu kommen und wie ungerecht viele Vorurteile sind, die wir fremden Menschen haben:

    http://tinyentropy.com/2012/03/06/in-einem-fremden-land-woruber-wir-deutschen-ofters-mal-nachdenken-sollten/

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