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Blinde Flecken

Februar 16, 2014

Seit der Abstimmung vom letzten Wochenende habe ich des öfteren gehört:

Nein – ich hab nichts gegen Ausländer.  Rassistisch? Sicher nicht!  Wer mir vorwirft, aus Fremdenfeindlichkeit heraus entschieden zu haben, soll doch bitte schön zurück gehen, wenn es ihm hier nicht passt.

Wenige Leute machen mich misstrauischer als die erklärten Nicht-Rassisten. Warum?

Ich unterrichte seit rund 25 Jahren Deutsch. Meine Teilnehmenden sind fremdsprachige Erwachsene, die in der Deutschschweiz leben und deswegen die Sprache lernen wollen oder müssen. Ich lerne so Menschen aus der ganzen Welt kennen. Bis vor anderthalb Jahren unterrichtete ich auch Staatskunde für Leute, die sich in der Schweiz einbürgern lassen wollen. Das Publikum war jeweils höchst heterogen: vom deutschen Dozierenden bis zu fremdsprachigen Teilnehmenden mit nur wenigen Jahren Schulbildung. Erster von fünf Kursabenden. Ich war wie immer deutlich früher dort, um den Raum vorzubereiten und die Teilnehmenden einzeln begrüssen zu können. Sechs waren schon hier: ein älteres Paar aus Deutschland, eine Brasilianerin, ein Paar aus Mazedonien und ein Italiener. Dann kam ein junger Türke. Er sprach Zürichdeutsch wie ich, absolut akzentfrei. Etwa zwanzig Meter hinter ihm seine Frau. Kopftuch, suchte nach den Wörtern, geschätztes Sprachniveau mündlich an der unteren Grenze von B1. Bei mir sprang der gedankliche Autopilot an.

Sie braucht sicher zusätzliche Unterstützung. Gut, im Notfall kann er ihr ja helfen. Und wenn sie fleissig lernt, dann geht das schon.

Am ersten Kursabend arbeitete ich an verschiedenen Lernstationen in Kleingruppen. Eine davon war ein PC. Das türkische Paar ging schon am Anfang zum Computer. Es ging darum, sich mit Cobocards, einem Programm zur Erstellung von Lernkarten auseinanderzusetzen. Sie setzte sich direkt hin, nahm die Maus in die Hand und loggte sich ein. Dann erklärte SIE IHM, zwar mit ein paar Grammatikfehlern, aber absolut richtig, was Föderalismus bedeutet.

Aber ich doch nicht! Stereotypen – nie! Vorurteile – nie! Rassismus – nie! DENKSTE!!!

Sie trug ein Kopftuch, sie sprach schlechter Deutsch als er. Aber sie hatte studiert und war nur hinter ihm ins Zimmer gekommen, weil sie vorher noch auf der Toilette war.

Ja! Ich habe Vorurteile! Ja! Ich falle auf Stereotypen rein! Und Ja! Eine Frau mit Kopftuch, hinter ihrem Mann und mit begrenzten Deutschkenntnissen hat bei mir offenbar etwas ausgelöst!

Schämte ich mich an dem Abend? Ich schlug mir innerlich gegen den Kopf – gaats no! Aber schämen? Nein. Meine Vorurteile sind nicht schlecht, SOLANGE ICH SIE BEMERKE, nochmals hinschaue und revidiere. Und nur das Bewusstsein meiner blinden Flecken bringt mich dazu, mich regelmässig selber zu überprüfen.

Wer ganz sicher ist, keine blinden Flecken zu haben – schaut der denn nochmals hin?

Unterrichten am Morgen nach Lampedusa

Oktober 5, 2013

Da war er wieder mal. Der Moment, der sprachlos macht. Der Moment, in dem die fast 25 Jahre Unterrichtserfahrung nicht gegen die Hilflosigkeit nützen.

Was passiert ist?
Gestern sind im Mittelmeer wieder einmal Menschen ertrunken, die versuchten, nach Europa zu flüchten. Aktuelle Zahlen: etwa 300 Tote. Männer, Frauen mit Kindern, Schwangere. Zusammengepfercht auf einem Schiff, das hoffnungslos überladen war. Grösstenteils Menschen aus Eritrea und Somalia.

Ich unterrichte.

Flüchtlinge.

Aus Eritrea, Somalia, dem Tibet und Sri Lanka.

Im Wissen, dass der Morgen schwierig werden könnte, bin ich doppelt aufmerksam in die Stunde gegangen. Zu meinem Erstaunen war Lampedusa noch kein Thema. Und für mich war es klar, dass nicht ich es zum Thema mache, aber das ich Raum gebe, wenn es zum Thema wird. Aber wie?

In der grossen Pause ist es so weit. Jemand bekommt eine Nachricht. Unruhe. Smartphones werden gezückt.  Bilder und Filme über die Tragödie machen die Runde. Und von einer Sekunde zur anderen habe ich eine Klasse, in der zwei Drittel lautlos weinen oder kurz davor sind und das dritte Drittel nicht versteht, was eigentlich passiert ist.

Auch mir kommen die Tränen. Wirklich vorbereitet bin ich nicht. Mein Kloss im Hals lähmt mich zum Glück nicht. Die zwei, die weinen und gleichzeitig stocksteif sind, nehme ich spontan in den Arm. Dann führe ich die Gruppe zurück in den Kursraum.

Ich möchte und muss der Trauer Raum geben. Habe aber gleichzeitig wenig sprachliche Möglichkeiten. Kerzen anzünden kann ich wegen Feuerschutz nicht.

Musik! Musik und Bilder. Ich starte den Computer und den Beamer, den ich zum Glück zur Verfügung habe und lasse Dinu Lipatti laufen:

Die Verzweifelten werden ruhiger. Ich beginne an eine Flip-Chart eine grosse Kerze zu malen und ein paar Worte zu schreiben. Farbstifte und Papier habe ich im Schrank und lege es hin. Einfach als zusätzliches Angebot – nicht als „Muss“.

Die nicht Betroffenen haben inzwischen verstanden, was passiert ist und tragen die Gruppe in bewundernswerter Art und Weise mit. Ein junger Mann aus Sri Lanka steht auf, um etwas an das Plakat zu schreiben. Andere nehmen Papier, um ihren Abschied zu malen. Sie schreiben Tibetisch, Arabisch, Tigrinia, Herzenssprachen. Malen, werden aktiver, bleiben sitzen, hören, bleiben bei sich.

Die Dunkelheit im Raum wird heller.

Nach einer Dreiviertelstunde wird es Zeit, sanft weiter zu gehen. Wir machen fünf Minuten Pause – öffnen die Fenster. Draussen sieht man ein paar schüchterne Sonnenstrahlen nach dem Regen. Ich erkläre, dass in der letzten Kurshalbstunde alles möglich ist. Individuell an etwas arbeiten, rausgehen und im Innenhof spazieren, weiter malen, Musik hören. Dass ich da bin, dass ich auch nach Kursende noch da bin.

Und so geht es auch weiter. Einige wünschen zu meiner Überraschung recht mechanische Drill-Grammatikübungen. Andere schreiben und malen weiter. Ein paar sitzen einfach da. In sich gekehrt. Still.

Was passiert ist?

Wir sind als Gruppe sicher noch ein Stück näher zusammen gerückt. Grammatik, Lernziele, Vorgaben gingen mir noch nie so am Allerwertesten vorbei wie an diesem Morgen. Statt Unterrichten gab es plötzlich etwas anderes: gegenseitiges Lernen und Aufrichten.

Was bleibt?

Wut.

Wut und Trauer.